Kassel
Die Stadt unter dem Herkules
Wappen der Stadt Kassel
KASSEL

Beschützt vom Herkules

Im Jahre 913 wird Kassel erstmals genannt. Die frühe Ansiedlung entwickelte sich am linken Fuldaufer

neben dem Königshof, der an der Stelle des späteren Schlosses und heutigen Regierungsgebäudes

von 1957 bis 1960 auf der leichten Erhebung lag. Die stetig wachsende Ansiedlung, die vor 1189 durch die

Landgrafen von Thüringen zur Stadt ernannt wurde, lag im Schnittpunkt zweier Handelsstraßen, die von

Mainz und Frankfurt zur Weser und weiter nach Norddeutschland bzw. von Leipzig nach Köln führte.

Nach dem Aussterben der Landgrafen von Thüringen 1247 erwählte der erste Landgraf von Hessen,

Heinrich I. (1264 bis 1308), ein Enkel der heiligen Elisabeth von Thüringen, Kassel zur landgräflichen

Residenzstadt und ließ 1277 eine neue Burg anstelle des Königshofs errichten. Die beiden Ufer der Fulda

verband Heinrich I. durch eine Brücke, zu deren Schutz er kurz vor 1283 auf dem rechten Fuldaufer

die Unterneustadt anlegen ließ. Die Lehre Luthers wurde in der 4500 Einwohner zählenden Stadt 1527

eingeführt und die Stadt im Laufe des 16. Jahrhunderts zu einer mächtigen Festung ausgebaut.

Nach dem Tod Landgraf Philipps des Großmütigen 1567 fiel Großhessen zunächst in vier,

bald endgültig in zwei Teile auseinander: Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. Die Festung

Kassel war eine der stärksten Mitteleuropas. Daher blieb sie vom Dreißigjährigen Krieg verschont.

Ab 1685 nahm der Landgraf Karl I. (1677 bis 1738) Glaubensflüchtlinge aus Frankreich,

vor allem Hugenotten, in Kassel auf. Für sie entstand ab 1688 unter dem Hofbaumeister

Paul du Ry (1640 bis 1714) ein neuer Stadtteil, die Oberneustadt. Das Areal umfasst die Baublöcke

zwischen Oberer Königsstraße, Schöner Aussicht, Friedrichstraße und Friedrichsplatz,

in der Mitte den Karlsplatz mit der Karlskirche als Zentrum.

Bau- und Gartenkunst wurden unter Landgraf Karl gefördert, und so entstanden die Karlsaue

und der Herkules mit den Kaskaden in Wilhelmshöhe. Außerdem ließ er verschiedene

Gewerbebetriebe gründen, z. B. den Kupferhammer und Messinghof. Karls Sohn, Landgraf

Wilhelm VIII. (1751 bis 1760), erbaute außerhalb Kassels das Schloss Wilhelmsthal. Auf ihn geht

die bedeutende Sammlung niederländischer Barockmaler der heutigen Galerie Alter Meister zurück.

Während des Siebenjährigen Krieges (1756 bis 1763) kämpfte Hessen-Kassel an der Seite Preußens.

1756 wurde Kassel zeitweise von den Franzosen besetzt. Unter Landgraf Friedrich II. (1760 bis 1785)

wurden ab 1767 die kriegstechnisch überholten Festungsanlagen um die Altstadt und Unterneustadt

niedergelegt. Sie wurden durch eine aus steuerlichen Gründen errichtete Mauer um die ganze

Stadt ersetzt. Altstadt und Oberneustadt konnten nun zusammenwachsen. Mit der Schleifung der

Befestigung und den städtebaulichen Maßnahmen beauftragte Friedrich II. seinen Baumeister

Simon Louis du Ry (1726 bis 1799), einen Enkel des von Landgraf Karl nach Kassel geholten Paul du Ry.

Simon Louis du Ry setzte mit dem überbauten Paradeplatz südlich der Altstadt, dem Friedrichsplatz

im Südwesten und dem kreisförmigen Königsplatz im Westen städtebauliche Akzente. Zudem wurde

ab 1778 die Wilhelmshöher Allee erbaut. 1777 erfolgte die Einrichtung einer Akademie der Künste,

an der Johann Heinrich Tischbein, Johann August Nahl und Simon Louis du Ry tätig wurden.

Die dynastisch-politischen Bindungen an Hannover und somit England führten im letzten Viertel

des 18. Jahrhunderts einerseits zur Beteiligung hessischer Soldaten aufseiten der Engländer am

amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1776 bis 1783, andererseits zur frühen Realisierung englischer

Ideen in der Bau- und Gartenkunst. Landgraf Friedrich II. begann mit der Umgestaltung der barocken

französischen Gärten zu englischen Landschaftsgärten. Wilhelm IX. (seit 1803 Kurfürst Wilhelm I.)

ließ unter anderem die pseudomittelalterliche Löwenburg und das am englischen Palladianismus

orientierte Schloss errichten. Die großartige Parkanlage Wilhelmshöhe trägt seinen Namen.

Mit 23 000 Einwohnern, neuen Stadtvierteln, Platz-, Schloss- und Parkanlagen war Kassel

um 1800 eine der attraktivsten Städte Europas. Deshalb fiel 1807 bei der Bildung des bis 1813

bestehenden neuen Königreichs Westphalen unter Napoleon I. die Wahl der Hauptstadt auf Kassel.

Als neuer Herrscher zog Jérôme, Napoleons jüngster Bruder, bis 1813 in Schloss

Wilhelmshöhe ein, dass nun für einige Jahre "Napoleonshöhe" genannt wurde, und ließ dort

auch Baumaßnahmen durchführen. 1813 konnte Kurfürst Wilhelm I. nach Kassel zurückkehren,

wenngleich sein Renaissanceschloss in der Altstadt 1811 abgebrannt war.

1866 annektierte Preußen die bisherigen Staaten Kurhessen und Nassau und vereinigte sie mit der

Freien Stadt Frankfurt zur Provinz Hessen-Nassau. Kassel wurde die Hauptstadt der neuen Provinz

und Sitz ihres Oberpräsidenten. Anfang des 20. Jahrhunderts erreichte Kassel die Einwohnerzahl

von 100 000, 1936 infolge von Eingemeindungen gar 225 000. Entsprechend waren um 1900

beachtliche Neubauviertel mit bedeutenden Bauten des Historismus und Jugendstils entstanden.

Am 22./23. Oktober 1943 wurde die Innenstadt durch die Bombardierung britischer Verbände vernichtet.

Fast 10 000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Zerstört wurden 76 Prozent der Wohnhäuser,

85 Prozent der Wohnungen, 65 Prozent der Industrieanlagen der Großstadt. Noch während des

Krieges wurden Wiederaufbaupläne für eine nationalsozialistische Gauhauptstadt entworfen.

Da diese teilweise 1946 in der Ausstellung "Kassel baut auf" gezeigt wurden, musste die Ausstellung

nach Protesten vorzeitig geschlossen werden. Der eigentliche Wiederaufbau begann nach neuerlichem

Wettbewerb erst relativ spät ab 1950. Er erfolgte nach den "Erfordernissen des modernen Verkehrs".

Der Wiederaufbau nahm kaum Rücksicht auf die ehemaligen städtebaulichen Besonderheiten der

historischen Innenstadt. Der Neubauwille war so groß, dass aus städtebaulichen Gründen und

aus Ablehnung der Architektur des 19. Jahrhunderts auch in den Außenmauern noch gut erhaltene

Bauten unnötigerweise noch in den 1950er Jahren abgebrochen wurden, wie z. B. das Langhaus

der Lutherkirche, in der bereits eine Notkirche eingerichtet worden war, das Haus des Bildhauers

Joh. August Nahl, das bereits wiederhergestellt worden war, das Weiße und Rote Palais

am Friedrichsplatz, bei denen es sich um die kurfürstliche Residenz handelte, die alte Hauptpost,

der Marstall, das Palais Waitz von Eschen von Simon Louis du Ry, das von 1876 bis 1880

erbaute mächtige Regierungs- und Justizgebäude und das Staatstheater, in dem noch

Kinoaufführungen stattfanden.

Teile des ehemaligen Zeughauses wurden noch nach 1960 abgebrochen, das im Krieg unbeschädigte

Rouxsche Palais von Simon Louis du Ry ersetzte man 1968 durch eine Kopie. Ebenso fragwürdig

war der Umgang mit den Industriebauten auf dem Gelände der heutigen Gesamthochschule in den

1980er Jahren. 1997 erfolgte der Abbruch des letzten Fachwerkhauses aus Kassels Altstadt.

1955 fand die erste Bundesgartenschau in Kassel statt. Sie wurde ebenso wie die Erste

von Professor Arnold Bode im selben Jahr organisierte "documenta" ein Erfolg. 1959 erfolgte

die documenta 2, die 137 000 Besucher anzog. Seitdem wurde alle vier oder fünf Jahre die

sogenannte documenta, eine internationale Ausstellung der zeitgenössischen Kunst, durchgeführt:

1964, 1968, 1972, 1977, 1982, 1987, 1992, 1997, 2002, 2007. Bei der letzten Ausstellung wurden

über 750 000 Besucher gezählt. Die Bundesgartenschau in Kassel 1981 zählte 5,5 Millionen Besucher.

1991 wurde der Intercity-Bahnhof eingeweiht, der einzige größere Bahnhofsneubau der vergangenen

Jahrzehnte. Im Jahr 2003 leben in Kassel knapp 210 000 Einwohner. Die Stadt ist kulturelles

und wirtschaftliches Zentrum für etwa eine Million Menschen.

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